“Questo mio sogno ideale”
Nel solco di Segantini
Am 29. Januar 1899 veröffentlichte Segantini in der Zeitschrift Il Marzocco seinen Brief Lettera ai giovani (Brief an die jungen Leute), in der er diese anspornte: „Studiert die Sprache der Natur, wenn ihr ihren ewigen Gedanken in euren Gemälden wiedergeben wollt. Ihr jungen Kollegen, Freunde, ich möchte, dass diese Worte von euch allen erhört werden. Wenn mein Traum in Italien Wirklichkeit wird, dann werde ich mit meinem Geist bei euch sein, jetzt und bis in alle Ewigkeit“.
Inwieweit Segantinis Worte eine Warnung und eine programmatische Manifestation für spätere Generationen darstellten, ist in einer Notiz von Umberto Boccioni – dessen hier ausgestelltes kleines Frühwerk von seiner Beschäftigung mit dem Werk des Meisters aus Arcese zeugt – in seinen Diari (Tagebücher) eindeutig dokumentiert. Am 30. März 1907, als er über das Thema Natur nachdachte, über die Notwendigkeit, in der Malerei jenen ewigen Gedanken auszudrücken, den Segantini als letztes Ziel des Studiums der Natur selbst bezeichnete, bemerkte Boccioni: „Segantini hatte Recht, als er sagte, er wolle zum bescheidenen Gänseblümchen auf der Wiese zurückkehren und die Allüren des begabten Künstlers hinter sich lassen”. Das Zitat von Segantini stammt offensichtlich aus dem oben erwähnten Brief, in dem der Maler aus Arco das Aufkommen neuer „Urgeister der neuen Kunst“ in einer Vision Folgendes forderte: „die Natur, die zum Geist spricht, eine Zeichnung, die eine Idee ausdrückt, eine Linie, die einen Gedanken ausdrückt, eine Farbe, die der Farbe die der Farbe Leben und Licht verleiht, die die harmonische Freude an einer Blume hörbar macht, die die scheinbar natürlichste Tatsache zu einem ewigen Symbol erhebt“ sucht. „Legt das lächerliche Gewand des großen Künstlers ab und widmet eure Aufmerksamkeit voller Gefühl dem bescheidenen Gänseblümchen und den Grashalmen, die es umgeben“, schließt Segantini.
Anstelle des Phänomens des so genannten Segantinismus – also jener Künstler, die die Formen und Themen der Malerei Segantinis nur oberflächlich nachahmen – zeigt dieser Raum die Werke von Malern, wie Carlo Fornara und Giovanni Giacometti, den einzigen wirklichen direkten Schülern des Künstlers die mehr als alle anderen in der Lage waren, sich seine Lehre zu eigen zu machen. In engem Kontakt mit ihm konnten Fornara und Giacometti die intime Natur seiner Malerei begreifen, die nicht auf einer Nachahmung der Wirklichkeit beruht, sondern auf deren Wiederherstellung mittels einer hochentwickelten Sprache, die auf der Zentralität des malerischen Strichs und der Suche nach der Intensität von Licht und Farbe als Hauptausdrucksmittel der Idee beruht. Es ist kein Zufall, dass sich beide Maler sogar in den beiden hier ausgestellten Selbstporträts auf Modelle Segantinis beziehen, fast als eine Art Tribut an die zentrale Rolle, die der Maler für ihre Ausbildung gespielt hatte. 1894 hatte Giacometti zum ersten Mal die Gelegenheit, Segantinis Werk persönlich zu bewundern und war zutiefst beeindruckt: Von diesem Moment an entwickelte sich bis zu seinem Tod eine kontinuierliche und beständige Vertrautheit, die sich auf die Lehren stützte, die Segantini ihm, wie sich der Maler erinnert, vermittelte: „die Natur zu studieren und sie so zu gestalten, wie man sie empfindet, hierin liegt das Geheimnis“. Nicht minder wichtig war für Fornara das Treffen mit Segantini, der ihn einlud, den August 1898 in Maloja zu verbringen, um ihm bei dem Projekt Panorama zu helfen. In einem Interview aus dem Jahr 1928 erinnerte sich Fornara an diese Begegnung wie folgt: „Er schien in der Vorahnung des Todes zu leben und zu arbeiten. […] Ich erinnere mich, dass ich, als Grubicy mich im Namen von Segantini über dieses Angebot informierte, vor Freude und Rührung fast geweint habe. […] Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mich liebevoll anlächelt; ich höre seine väterliche Ermahnung: ‘Bilde dir ein Urteil; die Kunst ist schön, aber schrecklich…'”.
Neben den Werken der Schüler veranschaulicht eine Auswahl von Gemälden und Grafiken der beiden Söhne Mario und Gottardo, die sich der Malerei widmeten, den unterschiedlichen Einfluss der Lehre ihres Vaters auf ihre ästhetische Auffassung: Mario, der eher zu symbolischen Abstraktionen neigte, entwickelte einen bisweilen naiven und synthetischen Stil, während Gottardo mit seiner traditionelleren Sichtweise dem Naturalismus seines Vaters folgte.
